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Die Angeviner
John
1199 - 1216

 
John
© Royal Collection

ohn wurde an Heiligabend 1167 als letztes Kind von Heinrich II. und Eleanor von Aquitanien geboren. Nach seiner Geburt lebten sich seine Eltern auseinander. Er wuchs zum Teil im Haushalt seines ältesten Bruders auf, um den Beruf des Ritters zu erlernen, zum Teil im Haushalt von Ranulf Glanvil, dem Justiziar seines Vaters, vermutlich um etwas von Regierungsgeschäften zu lernen. Als vierter Sohn hatte er nicht viel zu erwarten; von daher der Spitzname "Ohneland". Heinrichs II. Versuche, Abhilfe für diese Situation zu schaffen, endeten gewöhnlich damit, daß einer oder mehrere seiner anderen Söhne rebellierten. Richards Weigerung, Aquitanien herzugeben, führte 1184 zur ersten bewaffneten Auseinandersetzung zwischen John und seinem älteren Bruder. Nicht überraschend war John hinterher noch schlechter dran. Dann dachte sich der alte König einen vielversprechenderen Plan aus. 1185 schickte er John als Regent nach Irland, doch obwohl keiner von Johns Brüdern irgendwelche Vorrechte auf Irland hatten, endete der Ausflug innerhalb von sechs Monaten in einem Fiasko. John und die anderen, genauso lebenslustigen jungen Männer seines Gefolges schlugen über die Stränge. Rasch säten sie Feindschaft zwischen den einheimischen Iren und den anglo-normannischen Eroberern, die gerade dabei waren, neue Herrschaftsgebiete für sich an Land zu ziehen. Im September 1185 kroch John nach Hause zurück und gab anderen die Schuld für sein Scheitern.

Trotz allem, was sein liebevoller Vater für ihn getan hatte, scheint John in keinster Weise dankbar gewesen zu sein. Als 1189 endlich klar wurde, daß der alte König ein geschlagener Mann war, verriet ihn John auf heimliche und zynische Weise und brachte damit Verzweiflung und Niederlage in die letzten Tage seines Vaters. In der Hoffnung, ihn während seiner Abwesenheit auf Kreuzzug still zu halten, gab Richard ihm in der Folge große Besitztümer: die normannische Grafschaft Mortain, die (honour) von Lancaster, die Einnahmen aus sechs englischen Grafschaften und die Erbin der Grafschaft Gloucester. Die Bestechung funktionierte nicht. Sobald Richard in sicherer Entfernung war, begann John den Sturz William Longchamp zu planen, des Mannes, den Richard mit der Verwaltung beauftragt hatte. Doch Nachrichten von dieser Intrige erreichten Richard, während er sich in Sizilien aufhielt, und er entsandte Walter von Coutances, den Erzbischof von Rouen, um Untersuchungen anzustellen und, falls nötig, das Ruder zu übernehmen. Zu Johns Mißfallen tat Walter von Coutances genau dies, und im Oktober 1191 fand sich John, der es genossen hatte, sich als Führer der Opposition gegen einen unpopulären Minister zu sehen, außen vor.

Er begann, mit König Philip von Frankreich zu konspirieren. Ihre Verhandlungen nahmen Gestalt an, als sie hörten, daß Richard in deutsche Gefangenschaft geraten war. John begab sich nach Paris, um Philip zu huldigen, und kehrte dann nach England zurück, um eine Rebellion anzuzetteln, während Philip seine Armee gegen die Normandie marschieren ließ. Johns Revolte lief schlecht, dennoch hoffte er auf Erfolg; tatsächlich überredeten er und Philip den deutschen Kaiser beinahe, ihnen Richard für £ 100.000 zu verkaufen.

Doch im Februar 1194 wurde Richard freigelassen, und John war gezwungen, um Vergebung zu ersuchen. Diese wurde sofort gewährt, beiläufig und geringschätzig. "Hab’ keine Angst, John. Du bist ein Kind. Du bist in schlechte Gesellschaft geraten, und diejenigen, die dich vom Weg abgebracht haben, werden ihre Strafe erhalten." (Das "Kind" war inzwischen siebenundzwanzig Jahre alt.) In den nächsten fünf Jahren hielt sich John ganz in seines Bruders Schatten, doch er benahm sich so gut, daß der sterbende König ihn im April 1199 zu seinem Erben bestimmte.

Richards Wünsche wurden in England und in der Normandie respektiert, aber nicht in Anjou, Maine und Touraine. Dort wählten die einheimischen Barone Johns zwölfjährigen Neffen Arthur von der Bretagne zu ihrem Herrscher. John mußte einen hohen Preis bezahlen, um König Philip dazu zu bringen, den jungen Prinzen im Stich zu lassen, doch im Mai 1200 hatte er Arthur verdrängt und war der Herrscher der gesamten angevinischen Gebiete. Später in diesem Jahr ließ er seine Ehe mit Isabella von Gloucester annullieren und heiratete statt dessen Isabella von Angoulême, eine Erbin, deren Besitztümerdie nördlichen und südlichen Teile seines Reiches zusammenschweißen würden. Doch setzte diese auf den ersten Blick so vernünftige Ehe Ereignisse in Gang, die zum Verlust der Normandie führen sollten. Isabella war mit Hugh von Lusignan verlobt gewesen; dieser protestierte gegen den plötzlichen Verlust seiner Braut, und als er von John keine Genugtuung bekam, rief er den Hof König Philips an. Als John sich weigerte, Philips Ruf zu folgen, enteignete ihn der französische König im April 1202 all seiner Lehen auf dem Kontinent.

Diese Entscheidung war nun in die Tat umzusetzen, doch zunächst leistete John stärkeren Widerstand als erwartet. Tatsächlich gelang es ihm, in einer erstaunlichen Geschwindigkeitsänderung Arthur von der Bretagne und mehrere der führenden Rebellen, darunter die Lusignans, gefangen zu nehmen. Arthur verschwand in einem von Johns Gefängnissen und sollte nie mehr auftauchen. Die Menschen hatten bereits gelernt, John zu mißtrauen, und als Gerüchte von Arthurs Schicksal in der Normandie und in Anjou durchsickerten, stiegen das Mißtrauen und die Angst hoch. In dieser Atmosphäre war keine wirksame Verteidigung möglich. Im Dezember 1203 brach John den Versuch ab, setzte nach England über und überließ es seinen Kastellanen, die bestmöglichen Bedingungen auszuhandeln. Im Frühjahr 1205 waren die letzten seiner Festungen in der Normandie und Anjou gefallen; auch Poitou stand im Begriff, sich zu ergeben. Diese demütigenden militärischen Rückschläge brachten John einen neuen Spitznamen ein: er wurde "Weich-Schwert".

Von nun an war es Johns vordringlichstes Ziel, die verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. Eine Expedition nach Poitou im Jahre 1206 konnte den Niedergang aufhalten, doch sie zeigte John auch, daß eine sorgfältige Vorbereitung und eine immense Konzentrierung der Mittel notwendig waren, bevor er den französischen König direkt angreifen konnte. Während der nächsten acht Jahre machte er seine Vorbereitungen; umständehalber fand der größte Teil der Arbeit in England statt. Seit 1066 hatte kein König von England so viel Zeit im Land verbracht. Das Gewicht von Johns Anwesenheit war sogar im Norden zu spüren, wo die Menschen es nicht gewohnt waren, englische Könige zu sehen. Das Ausmaß ihres Ärgers kann an der Anzahl der Nordländer erkannt werden, die sich in den Jahren 1215-16 gegen John stellten. Doch nicht nur im Norden schien Johns Regentschaft repressiv zu sein. Die ...steuer (scutage), die in den fünfundvierzig Jahren zwischen 1154 und 1199 elfmal erhoben worden war, wurde nun elfmal in den sechzehn Jahren bis 1215 auferlegt. Eine kürzlich erfundene Abgabe auf Mieten und bewegliches Vermögen brachte große Summen ein. Festgesetzt auf ein Dreizehntel, brachte es 1207 £ 60.000 ein - vielleicht doppelt so viel wie das gesamte jährliche Einkommen der Krone im 12. Jahrhundert. Die Waldgesetzte wurden verschärft; auch dies erwies sich als sehr profitabel. Der König übte mehr Druck aus als jemals zuvor - und all dies in einer Zeit wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit, in der die Preise in einem nie zuvor erlebten Maße stiegen. Viele Familien und Kirchengemeinden waren in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten, und sie fanden es einfacher, dem König dafür die Schuld zu geben, als die zugrundeliegenden wirtschaftlichen Kräfte zu verstehen.

Die Spannungen übertrugen sich auch auf das Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Eine umstrittene Besetzung des Sitzes von Canterbury führte 1208 zu einem Eklat zwischen John und dem äußerst bestimmten Papst Innozenz III. Im Jahr 1208 belegte Innozenz England und Wales mit einem Interdikt; jegliche Gottesdienste wurden verboten, und dies blieb so für sechs Jahre. 1209 wurde John selbst exkommuniziert. Weder John noch die weltliche Gesellschaft im allgemeinen schien durch diesen Stand der Dinge sehr beunruhigt zu sein; tatsächlich half er sogar, die finanziellen Probleme zu erleichtern, seit John als Antwort auf das Interdikt begonnen hatte, die Besitztümer der Kirche zu konfiszieren. Doch 1212 erinnerten eine Verschwörung der Barone und die Absicht Philips, den Kanal zu überqueren, John daran, daß ein exkommunizierter König besonders ungeschützt war gegen Rebellion und Invasion. Also entschloß er sich, mit der Kirche Frieden zu schließen, um eine freie Hand für die Bekämpfung seiner gefährlicheren Feinde zu haben. Indem er im Mai 1213 zustimmte, England als Lehen des Papsttums anzuerkennen, gewann er Innozenz ganz für sich und sicherte sich die Unterstützung des Papstes für die kommenden Kämpfe.

Alles hing nun vom Ergebnis des Angriffs mit zwei Spitzen auf Philip ab, den John und seine schwer subventionierten Verbündeten unternahmen. Zunächst ging alles nach Plan. Doch dann gewann Philip im Juli 1214 die entscheidende Schlacht von Bouvines. Als die Nachricht von dieser Niederlage England erreichte, verwandelte sich Unzufriedenheit in Rebellion. Nur der Erfolg im Krieg hätte die Maßnahmen rechtfertigen können, die John in den letzten elf Jahren ergriffen hatte; und dieser Erfolg blieb ihm immer noch versagt. Im Mai 1215 nahmen die Rebellen London ein und zwangen John, Frieden zu schließen. Auf einer Versammlung der Rebellen-Lords in Runnymede im Juni akzeptierte er die Bedingungen eines Dokuments, das später als die Magna Charta bekannt werden sollte. Im wesentlichen war es ein feindlicher Kommentar zu einigen der eher abzulehnenden Dinge in den letzten sechzig Jahren angevinischer Herrschaft - und als solcher ganz klar unakzeptabel für John, der dies lediglich dazu benutzte, Zeit zu gewinnen. Die Versuche, die Friedensbedingungen zur Anwendung zu bringen, führten in der Tat lediglich zu weiteren Streitigkeiten und ließen den Krieg wieder aufleben. Die Rebellen erkannten, daß sie von John nichts mehr zu erwarten hatten, und wählten Ludwig von Frankreich, König Philips Sohn, als ihren Gegenkönig. Im Mai 1216 überfiel Ludwig England und marschierte ohne Gegenwehr in London ein. Als John im Oktober starb, war das Land zweigeteilt durch einen Bürgerkrieg, der für die Angeviner schlecht lief.

John besaß ein paar gute Eigenschaften. Wenige Könige zeigten ein so großes Interesse an den Details der Verwaltung und den täglichen Geschäften der Gerichtshöfe, doch zu seinen Zeiten zählte dies wenig. John war den Menschen gegenüber mißtrauisch, und sie ihm gegenüber. Er inspirierte weder Zuneigung noch Loyalität, und nachdem er erst einmal gezeigt hatte, daß ihm, gleich wie sehr er es versuchte, Richards Fähigkeit, ihm Krieg zum Sieg zu führen, fehlte, war er verloren. "Kein Mensch kann ihm je vertrauen", schrieb der Troubadur Bertrand de Born, "denn sein Herz ist weich und feige." Nicht einmal die angevinische Regierungsmaschinerie konnte ihn vor diesem verdammenden Urteil schützen.


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