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Die Normannen
Henry I.
1100 - 1135
![]() © Royal Collection |
Als Robert zu seinem Kreuzzug aufbrach, stiegen Henrys Hoffnungen wieder. Sollte der kinderlose William jetzt sterben, so war er zur Stelle und der offensichtliche Erbe. Doch im Sommer 1100 wußte jeder, daß Robert sich auf dem Heimweg befand. Er wurde von einer reichen und schönen Ehefrau begleitet und sonnte sich in seinem Ansehen, das er einem Mann verdankte, der ihm den Weg nach Jerusalem hinein freigekämpft hatte. Henrys Chance schien ihm zu entgleiten. Vielleicht waren Ort und Zeitpunkt, an dem William starb, nur Zufall - doch auch Henry jagte am 2. August 1100 im New Forest. Sobald er vom Tod seines Bruders erfuhr, handelte er schnell; es war, als wäre er auf die Ereignisse vorbereitet gewesen. Er ritt nach Winchester und bemächtigte sich der Schatzkammer. Dann eilte er weiter nach Westminster, wo er am 5. August gekrönt wurde. Am selben Tag veröffentlichte er seine Krönungserklärung, in der er den unterdrückenden Praktiken seines Bruders entsagte und eine gute Regierung versprach. Einige Wochen später traf Robert wieder in der Normandie ein. Henry mußte sich auf die unvermeidliche Invasion vorbereiten. Seine Politik bestand darin, sich Unterstützung zu kaufen, indem er Gunsten gewährte und weitreichende Zugeständnisse auf die in der Krönungscharta festgelegten Grundsätze machte. "Wenn sie darum bitten, gebt ihnen York oder sogar London." lautete der Rat, den Henry von Graf Robert of Meulan, seinem gewieftesten Berater, erhielt. Er lud Anselm ein, nach England zurückzukehren, und hoffte, dadurch einen Sieg sowohl über die englische Kirche als auch über das Papsttum zu erringen; durch die Heirat mit Edith, der Schwester des schottischen Königs, im November 1100 sicherte er sich nach Norden hin ab, während er im Süden alle Hände voll zu tun hatte. Er sicherte die Allianz zwischen Frankreich und Flandern, von denen keines eine Vereinigung von England und der Normandie unter einem allzu mächtigen Herrscher wünschte. Als Robert im Juli 1101 in Portsmouth anlegte, mußte er daher feststellen, daß er - zumindest für den Moment - nichts unternehmen konnte. Mit Anselm als Vermittler wurde ein Abkommen ausgearbeitet. Henry sollte England behalten und seinem Bruder eine jährliche Pension von £2000 zahlen. Doch nicht einen Moment lang vertraute Henry denjenigen, die ihre normannischen Güter zu behalten suchten, indem sie Herzog Robert 1101 unterstützten. Vor allem mißtraute er dem reichen und brutalen Robert of Bellême, Earl of Shrewsbury, und er machte sich systematisch daran, dessen Macht zu brechen. Dies gelang ihm 1102. Während seiner walisischen Feldzüge eroberte er Roberts wichtigste Festungen und verbannte ihn anschließend. Robert jedoch, wie viele andere in seiner Position, fand in seinen normannischen Besitzungen eine sichere Basis, von wo aus er hoffen konnte, die Rückgewinnung seiner englischen Ländereien organisieren zu können. Durch die Aufrechterhaltung der Aufteilung der Ländereien des Eroberers hatte das Abkommen von 1101 das Fortbestehen politischer Instabilität gesichert. So wiederholte sich das Muster früherer Herrschaft, als Henry sich nach und nach in der Normandie in eine befehlende Position manövrierte. 1106 wurde durch die Schacht von Tinchebrai eine Entscheidung herbeigeführt. Die Ritter von Henrys Vorhut stiegen vom Pferd, um den Angriff von Herzog Roberts Kavallerie abzuwehren. Robert selbst wurde während der Schlacht gefangengenommen und verbrachte die letzten achtundzwanzig Jahre seines Lebens als Gefangener seines Bruders. Andere mächtige Barone, die Henry in die Hände fielen, wurden ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilt. Obwohl Henry in den ersten Jahren seiner Herrschaft vor allem normannische Angelegenheiten beschäftigten, konnte er sich nicht so auf sie konzentrieren, wie er dies gerne getan hätte. Die traditionellen königlichen Rechte über die Kirche wurden bedroht von den Ideen der Gregorianischen Reformbewegung. Die Reformisten wollten nicht nur das moralische und geistige Leben des Klerus reinigen; sie glaubten, zur Verwirklichung dieses Zieles müsse die Kirche von jeglicher weltlichen Kontrolle befreit werden. Das meistgehaßte Symbol dieser Kontrolle war die Laien-Investitur, eine Zeremonie, bei der ein neuer Abt oder Bischof den Amtsring und seinen Mitarbeiterstab aus den Händen des weltlichen Fürsten empfing, der ihn ernannt hatte. Obwohl das erste päpstliche Dekret gegen die Laien-Investitur bereits 1059 erlassen und auch danach viele weitere Verbote verkündet worden waren, schien niemand in England von deren Existenz gewußt zu haben, bis Anselm im Herbst 1100 zurückkehrte. Während seines Exils hatte er am Päpstlichen Konzil in Bari (1098) und in Rom (1099) teilgenommen. Dort erfuhr er von der päpstlichen Haltung zur Laien-Investitur. Obwohl er selbst 1093 von Rufus in sein Amt eingeführt worden war, weigerte er sich daher nun, sowohl Henry Tribut für die Lehnsgüter zu entrichten als auch die Prälaten zu weihen, die von Henry eingeführt worden waren. Dies brachte den König in eine schwierige Lage. Bischöfe und Äbte besaßen große Ländereien und stellten Schlüsselfiguren sowohl in der zentralen als auch in der lokalen Verwaltung dar; er war auf ihre Hilfe angewiesen und mußte sich ihrer Loyalität sicher sein. Andererseits war er im Gegensatz zu Rufus nicht bereit, eine Auseinandersetzung zu provozieren. Er fand es daher auf Jahre hinaus passender, das Problem hinauszuschieben, als nach einer Lösung zu suchen. Anselm konnte Henrys Verzögerungstaktik nicht tolerieren, und so ging er 1103 wieder ins Exil. Doch dann, in einem kritischen Moment während Henrys Normandie-Kampagne, drohte ihm der Papst 1105 mit Exkommunizierung. Nun beeilte sich Henry, die Angelegenheit zu regeln. 1106 wurde eine Übereinkunft erzielt, die 1107 im Rat zu London ratifiziert wurde. Henry verzichtete auf die Laien-Investitur, die Prälaten jedoch mußten weiterhin Tribut für ihre Lehnsgüter entrichten. In der Praxis jedoch waren die Wünsche des Königs weiterhin der entscheidende Faktor in der Ernennung der Bischöfe. In gewissem Sinne kann man sagen, daß Henry die Form aufgab, die Realität der Kontrolle jedoch behielt. Als Anselm 1109 starb, hielt er den Sitz von Canterbury fünf Jahre lang unbesetzt. Dennoch hatte er einen Verlust erlitten, und er wußte darum. In dem heftigen Propagandakrieg, der den "Wettstreit der Investitur" begleitete, hatten die Gregorianer darauf beharrt, daß der König nichts anderers als ein Laie und als solcher allen Priestern unterlegen sei, denn die Priester beschäftigten sich mit der Seele und der König nur mit dem Körper. Die Kirche konnte die alte Idee, daß gesalbte Könige die geweihten Stellvertreter Gottes seien, nicht mehr tolerieren. Durch die Aufgabe der Laien-Investitur erkannte Henry die rein weltliche Natur seines Amtes an. Dies war ein bedeutender Augenblick in der Geschichte des Königtums. Und doch treffen wir genau in dieser Zeit zum ersten Mal auf die These, daß Könige einen heilenden Zauber besäßen. Wenn eine an Scrofula leidende Person, so sagte man, von einem König berührt würde, so würde die Krankheit - bekannt als "das Übel des Königs" - sofort verschwinden. Was immer auch die gelehrten Kirchenmänner sagen mochten, in den Gedanken des Volkes war das Königtum noch immer von etwas Wundersamem umgeben. Als die Normandie erobert und ein Kompromiß im Investitur-Konflikt gefunden war, bestand Henrys Hauptaufgabe darin, das zu bewahren, was er besaß. Wenige Könige taten dies jemals so hartnäckig und erfolgreich wie er. Er war ein harter Mann, der wußte, wie man sich die Loyalität seiner Männer erhielt; er hat vielleicht nicht ihre Herzen gewonnen, doch sie freuten sich auf die Belohnungen, die er anzubieten hatte, und ganz sicher fürchteten sie seinen Zorn. Im Jahr 1090 hatte er einen Mann vom Turm von Rouen Castle gestürzt, weil dieser den Herzog Robert geschworenen Treueeid gebrochen hatte. Mit diesem Beispiel vor Augen nahmen die Männer den Eid, den sie König Henry leisteten, sehr ernst. Der berühmteste unter den Dienern des Königs war Roger of Salisbury, der Archetyp eines Bürokraten, kompetent und diskret. Unter seiner Leitung gibt es klare Anzeichen für die Entwicklung des englischen Beamtentums, besonders die Entstehung des Schatzamtes. Die Normandie war natürlich der verwundbarste Teil seines Reiches, und ab 1106 verbrachte Henry mehr als die Hälfte seiner restlichen Herrscherjahre dort und schlug sich mit seinen traditionellen Feinden, den normannischen Herzögen, herum. Das Jahr 1118, so wie es in der Angelsächsischen Chronik beschrieben wird, war typisch für diese Jahre. "König Henry verbrachte das ganze Jahr in der Normandie wegen des Krieges mit dem König von Frankreich, dem Grafen von Anjou und dem Grafen von Flandern. ... England bezahlte teuer für all dies mit zahlreichen Steuern, von denen es das ganze Jahr lang keine Erleicherung gab." Um 1119 schien alles gut zu sein. Henry, der niemals eine Schlacht riskierte, ohne bereits den vorangehenden diplomatischen Kampf gewonnen zu haben, schlug König Ludwig VI. von Frankreich in der Schlacht von Brémule. Die Freundschaft der Angeviner war durch die Heirat seines einzigen legitimen Sohnes William mit der Tochter des Grafen von Anjou gesichert worden. Doch das ganze so sorgfältig errichtete Gebäude kam zum Einsturz, als William im November 1120 im Wrack des White Ship ertrank. Von da an beherrschte die Frage der Nachfolge die Politik der Regierung. Weniger als drei Monate nach Williams Tod heiratete Henry Adelaide von Louvain (Edith, seine erste Frau, war 1118 gestorben), aber der erhoffte Erbe wurde nie geboren. Obwohl Henry mehr als zwanzig uneheliche Kinder anerkannte, hinterließ er nur ein legitimes Kind, seine Tochter Mathilda. Als deren Ehemann, Kaiser Heinrich V. von Deutschland, 1125 starb, berief Henry sie an seinen Hof zurück und ließ die Barone schwören, sie als ihre Herrscherin zu akzeptieren, falls er ohne männlichen Erben sterben sollte. Ein wenig gegen ihren Willen wurde Mathilda dann 1128 mit dem erst sechzehnjährigen Gottfried von Anjou verheiratet, denn Henry war entschlossen, die Angevinische Allianz fortzuführen. Jedoch die Aussicht, von einem Angeviner regiert zu werden, gefiel den normannischen Baronen nicht, und Gottfried war sich dieser Tatsache wohl bewußt. Er bat daher darum, ihm die Aufsicht über einige wichtige normannische Festungen zu übertragen, während Henry noch lebte und helfen konnte. Doch der alte König weigerte sich, auch nur einen Teil seiner Macht aufzugeben. Im Sommer 1135 kam das Ergebnis: Krieg. In diesen trüben Zeiten starb Henry im Dezember 1135, vermutlich an übermäßigem Genuß von Neunaugen. Obwohl er fünfunddreißig Jahre lang regierte, gibt es kaum einen englischen König, der weniger bekannt ist als Henry I. Ein besorgter, ernsthafter, harter und methodischer Mann, suchte er sich seine Diener aus Männern vom gleichen Schlag aus. Im Vergleich zu Rufus und Ranulf Flambard sind Henry I. und Roger of Salisbury trübe und farblose Charaktere. Doch von 1102 bis zum Ende seiner Herrschaft gab es keine Revolten in England. Ein König, der den Frieden über dreißig Jahre lang erhalten konnte, war ein Meister der Regierungskunst. |