
![]()
Die Angeviner
Henry II.
1154 - 1189
![]() © Royal Collection |
Er wurde früh Herr der Normandie (ab Januar 1150) und von Anjou (nach dem Tod seines Vaters im September 1151) Im Mai 1152 heiratete er Eleonore von Aquitanien, die größte Erbin im westlichen Europa, nur acht Wochen nachdem ihre Ehe mit König Ludwig VII. von Frankreich annulliert worden war, angeblich wegen Blutsverwandtschaft, doch in Wirklichkeit, weil sie ihm in vierzehn Jahren Ehe keinen Sohn gebären konnte. Henry und Eleonore hatten mehr Glück. In den ersten sechs Jahren ihrer Ehe bekam sie fünf Kinder, darunter vier Söhne: William, der sehr jung starb, Henry, Richard und Geoffrey. Insgesamt hatten sie acht Kinder; das jüngste, John, wurde 1167 geboren. Eleonore war eine bemerkenswerte Frau, die ihr Leben lang von einer Aura von Romantik und skandalösen Gerüchten umgeben war. Ein deutscher Dichter schrieb:
Dennoch lebten sie sich ab 1167 auseinander, und gegen Ende der Regentschaft verbrachte sie den größten Teil jeden Jahres im Gefängnis, während er sich mit einer nicht abreißenden Serie von Mätressen vergnügte. Im Januar 1153 überraschte Henry Stephen, indem er den Kanal mitten im Winter überquerte. Zu dieser Zeit waren die englischen Magnaten des Krieges müde und überzeugt, daß es Frieden nur geben könne, wenn Stephen bereit war, die Rechtmäßigkeit des angevinischen Anspruchs anzuerkennen. Unter dem Druck ihrer Anhänger schlossen die beiden Führer eine Reihe von Waffenstillständen, die zu einem permanenten Frieden wurden, als der Tod seines Sohnes Eustace Stephen überzeugte, den Kampf aufzugeben. Durch das Abkommen von Westminster (Weihnachten 1153) wurde ihm gewährt, König zu bleiben unter der Bedingung, daß er Henry als Sohn und Erben adoptierte. So trat Henry bei Stephens Tod im Oktober 1154 ohne Probleme dessen Nachfolge an; es war die erste unumstrittene Thronfolge seit der Eroberung. Henry war nun der größte Fürst in Westeuropa, Herr eines Reiches, das sich von der schottischen Grenze bis zu den Pyrenäen erstreckte. Doch man muß daran erinnern, daß, obwohl England ihm großen Reichtum und den königlichen Titel verschaffte, das Herz des Reiches woanders lag, nämlich in Anjou, dem Land seiner Vorväter. In England bestand seine erste Aufgabe darin, die Burgen der Barone zu zerstören, die ohne königliche Genehmigung gebaut worden waren, und die während Stephens Herrschaft erlittenen Verluste wiedergutzumachen. Bis 1158 waren diese beiden Ziele erreicht. Außerdem war des Königs Oberherrschaft über Schottland und Wales wiederhergestellt. Doch waren es natürlich seine Herrschaftsgebiete auf dem Kontinent, die ihn am meisten in Anspruch nahmen. Sie waren immer verwundbarer gewesen als das Inselkönigreich, und auch interessanter, denn in sozialer und kultureller Hinsicht war England im Vergleich zu Frankreich zurückgebliebene Provinz. Henry verbrachte einundzwanzig Jahre seiner vierunddreißigjährigen Herrschaft auf dem Kontinent. Er begann damit, seine Oberherrschaft über die Bretagne wieder geltend zu machen. 1159 führte er dann eine große Kampagne gegen Toulouse. Die Grafschaft, so forderte Henry, sei rechtmäßig ein Teil des Erbes seiner Ehefrau. Doch außerhalb der Mauern von Toulouse erlitt Henry seine erste richtige Niederlage. König Ludwig eilte zur Unterstützung seines Schwagers, des Grafen von Toulouse, herbei, und Henry zog sich lieber zurück, als daß er seinen Oberherrn angriff. Er brauchte nicht lange, um sein Eigen zurück zu bekommen. 1158 hatte er seinen ältesten überlebenden Sohn Henry mit Margarethe, Ludwigs VII. Tochter von seiner zweiten Ehefrau, verlobt. Ihre Mitgift sollten die Festungen des Vexin sein, um die sich Frankreich und die Normandie seit so langer Zeit stritten. Doch da sie zum Zeitpunkt der Verlobung erst sechs Monate alt war, konnte Ludwig zu Recht erwarten, das Vexin noch lange nicht in Henrys Händen zu sehen. 1159 jedoch gab es Streitigkeiten bei der Wahl des neuen Papstes. Als Preis für die Anerkennung Alexanders III. als rechtmäßigen Papst überredete Henry Alexanders Legaten, die beiden Kinder im November 1160 zu verheiraten. Ludwig VII. war außer sich darüber, konnte jedoch nichts dagegen tun. Einige Monate später starb Erzbischof Theobald von Canterbury. Der Sitz wurde über ein Jahr vakant gehalten, und im Juni 1162 wurde Thomas Becket zu seinem Nachfolger geweiht. In den Augen der respektablen Kirchenmänner verdiente Becket, der seit 1155 Kanzler war, es nicht, Erzbischof zu sein. Er war zu weltlich eingestellt und zu sehr Freund des Königs. Becket, in seiner Selbstachtung verletzt, machte sich daran, einer erstaunten Welt zu beweisen, daß er der beste aller möglichen Erzbischöfe war. Von Beginn an wich er von seinem Weg ab, um sich gegen den König zu stellen, der ihn, hauptsächlich aus Freundschaft, zum Erzbischof ernannt hatte. Es war unvermeidlich, daß Henry bald wie ein verratener Mann reagierte. In der Mitte des 12. Jahrhunderts war das Verhältnis zwischen Kirche und Staat mit Problemen beladen, über die Männer mit gutem Willen leicht hinwegsehen konnten, und dies normalerweise auch taten. Doch Männer, die entschlossen waren zu streiten, konnten eine Feldschlacht daraus machen. Henry wählte das Problem der kriminellen Clerks*, um mit seinem Erzbischof abzurechnen. Wie viele Laien verabscheute Henry die Art und Weise, wie Clerks, die Verbrechen begingen, einer schärferen Strafe entgingen, indem sie verlangten, vor ein kirchliches Gericht gestellt zu werden. Auf einem Rat im Oktober 1163 in Westminster forderte Henry, straffällig gewordene Clerks sollten von der Kirche der Kutte beraubt und den weltlichen Gerichten zur Bestrafung überantwortet werden. Becket stellt sich dagegen und stachelte seine bischöflichen Kollegen mit auf in der Verteidigung der Privilegien ihres Standes. Doch als Papst Alexander III: ihn aufforderte, eine versöhnlichere Linie einzuschlagen, willigte er ein. Um seinen Vorteil rasch auszunutzen, berief Henry im Januar 1164 einen Rat nach Clarendon. Er konfrontierte die Bischöfe mit einer klaren Feststellung der Gewohnheitsrechte des Königs über die Kirche - der "Constitutions of Clarendon" - und verlangte von ihnen das Versprechen, diese Gewohnheitsrechte in gutem Glauben zu beachten. Davon überrascht widersprach Becket zwei Tage lang und gab dann auf. Doch kaum war der Rest der Bischöfe seinem Beispiel gefolgt, bereute Becket seine Schwäche. Henry, am Ende seiner Geduld, beschloß nun, Becket zu brechen. Er befahl ihn vor das königliche Gericht, um sich erfundenen Anklagen zu stellen. Der Erzbischof wurde für schuldig befunden und all seiner Besitztümer enteignet. Becket, in hoffnungsloser Lage, floh über den Kanal und ersuchte den Papst um Schutz. Indem er erst einen Standpunkt ums Prinzip vertreten und dann ins Wanken geraten war, hatte Becket die Englische Kirche in tiefe Verwirrung gestürzt. Nachdem er es erreicht hatte, Becket ins Exil zu treiben, konzentrierte sich Henry in den nächsten fünf Jahren auf wichtigere Angelegenheiten: Er eroberte die Bretagne und erneuerte das englische Justizsystem. 1169 führte die Frage der Krönung des Thronerben, Prinz Henry, zu endlosen Verhandlung zwischen König, Papst und Erzbischof, die als vordringliche Angelegenheit behandelt wurden. 1170 kehrte Becket nach England zurück, entschlossen, diejenigen zu bestrafen, die an der Krönung des jungen Königs beteiligt gewesen waren. Seine Feinde verloren keine Zeit, Henry von dem ostentativen Verhalten des Erzbischofs zu berichten. "Will mich denn keiner von diesem ungestümen Priester befreien?" Henrys hitzige Worte wurden von vieren seiner Ritter nur allzu wörtlich genommen. Begierig, des Königs Gunst zu erlangen, eilten sie nach Canterbury; dort wurde Becket am 29. Dezember 1170 in seiner eigenen Kathedrale ermordet. Die Tat erschütterte die Christenheit und sicherte Beckets Heiligsprechung in Rekordzeit. In der Erinnerung des Volkes wurde Becket zum Symbol für den Widerstand gegen die unterdrückende Autorität des Staates, doch in der Realität waren alle, Kirchenmänner wie Fürsten, ohne ihn besser dran. Als der erste Sturm des Protestes sich gelegt hatte, wurde deutlich, daß des Königs (hold on) auf die Ressourcen seines ausgedehnten Reiches in keinster Weise von der Becket-Kontroverse beeinträchtigt worden war. In den frühen siebziger Jahren des 12. Jahrhunderts stand Henry auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die einzige Bedrohung von Henrys Position kam aus seiner eigenen Familie. Das Angevinische Reich war ein Familienbesitz, kein unteilbarer Staat. Henry zögerte nicht, dessen Aufteilung unter seine Söhne zu planen. Doch seine Überlegungen riefen Erwartungen hervor, die er nicht erfüllen konnte, während er selbst die gesamte Macht in Händen hielt. Zum Beispiel wollte der Junge König (in der gesamten englischen Geschichte der einzige Thronerbe, der zu Lebzeiten seines Vaters gekrönt wurde) etwas mehr als nur einen königlichen Titel. So wurde Henry von 1173 an von rebellischen Söhnen geplagt. Jeder neue Plan rief neue Unzufriedenheiten hervor, da sich immer mindestens ein Sohn benachteiligt fühlte. Außerdem konnten die Rebellen immer auf ein warmes Willkommen am Hof des Königs von Frankreich rechnen. Ab 1180 wurde dies zu einem ernsten Problem, denn in diesem Jahr wurde der sanftmütige Ludwig VII. auf dem Thron abgelöst von seinem Sohn Philipp II., einem raffinierten und skrupellosen Politiker, der entschlossen war, das Angevinische Reich zu zerstören. Der Tod von zweien seiner Söhne, des Jungen Königs Henry 1183 und Gottfried 1186, hätte Henrys Probleme vereinfachen müssen, doch wurde dies zunichte gemacht durch des alten Königs offensichtliche Vorliebe für Johann; eine Vorliebe, die Richard alarmierte. Im Herbst 1188 einigten sich Richard und Philipp. Während des Winters verschlechterte sich die Gesundheit des Königs, und bis zum Sommer war er nicht mehr in der Lage, ihre Invasion zurückzuschlagen. Am 4. Juli 1189 war er gezwungen, einen demütigenden Frieden zu akzeptieren. Als ihm eine Liste derer vorgelegt wurde, die gegen ihn gekämpft hatten, war er schockiert, unter ihnen Johanns Name zu finden. Um Johanns willen hatte er Richard bis zur Rebellion getrieben, und nun hatte sich Johann stillschweigend auf die Seite der Gewinner geschlagen. Am 6. Juli starb der alte König in Chinon. Erst in den letzten Wochen seines Lebens war die Aufgabe, seine immensen Territorien zu regieren, für Henry zu viel geworden. Ein Mann von grenzenloser Energie, ritt er unaufhörlich von einem Ende seines Reiches zum anderen. Er reiste so schnell, daß er den Eindruck hinterließ, überall gleichzeitig zu sein - ein Eindruck, der Loyalität erhalten half. Er schien niemals stillzustehen; wenn er nicht arbeitete, ging er zum Jagen aus. Er gab wenig auf seine äußere Erscheinung; er kleidete sich einfach und genoß gutes Essen. Obwohl die zentralen Regierungsstellen, das Kanzleramt, die Kammer und die Polizei mit ihm herumreiste, begünstigte die schiere Größe seines Reichs unvermeidlich die Entstehung lokaler Verwaltungen, die sich in seiner Abwesenheit um rechtliche und finanzielle Routineangelegenheiten kümmern konnten. In England, wo es eine starke Verwaltungstradition gab, die bis auf die angelsächsischen Tage zurückging, wurde die Regierung immer komplexer und bürokratischer. Diese Entwicklung, zusammen mit Henrys Interesse an rationaler Reform, hat dazu geführt, daß er als Gründer des englischen Gewohnheitsrechts und als großer und kreativer König gilt. Zu diesem Bild Henrys gäbe es noch viel zu sagen, doch in seinen eigenen Augen waren diese Dinge von zweitrangiger Bedeutung - welche Konsequenzen auch immer sie langfristig haben mochten. Was ihm wirklich wichtig war, war Familienpolitik, und er starb in dem Glauben, versagt zu haben. Doch über dreißig Jahre lang war er erfolgreich gewesen. |